Kaufen, was man kennt?


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Volkswagen hat seit dem Frühjahr 60 % an Wert verloren. Damit hätte keiner gerechnet. Ein Einzelfall?

Mathias ist KFZ-Meister. Er hatte eine gut laufende Werkstatt mit Autohandel. Seine bevorzugte Marke war Mercedes. Hier hatte er die zufriedensten Kunden. Als seine erste Lebensversicherung fällig wurde beschloss er, sein langjähriges Autowissen zu nutzen und eine größere Anlage in Daimleraktien zu tätigen. Als vorsichtiger Mensch machte er zunächst etwas Finanzmarktrecherche und stellte erfreut fest, dass die Börse von der Aktie mindestens so angetan war, wie er von den Autos.

So bestätigt, tätigte er seine Anlage. Das war 1999. Unglücklicherweise ging es danach mit dem Kurs abwärts. Mathias war sich seiner Sache aber sicher und davon überzeugt, dass Geduld bei so einer großartigen Firma langfristig belohnt würde. Er musste allerdings bis 2015 warten, um seinen Einstiegspreis wieder zu erreichen. Nachdem er endlich wieder auf Null war, verkaufte
er die Aktien. Zurückblickend stellte er fest, dass er in den gleichen 16 Jahren mit dem gesamten DAX Aktienindex ein Plus von 83 % gemacht hätte.

Müder Vogel

Richard war Pilot bei Lufthansa und kümmerte sich auch um die Finanzen seiner Familie. Er hatte Spaß an der Börse und analysierte insbesondere Aktien von Unternehmen mit denen er persönlich gut vertraut war. Keinesfalls würde er die Anlage der Familiengelder einem Finanzberater überlassen. Besonders beeindruckt war er von seinem eigenen Unternehmen. Lufthansa war der aufsteigende Stern der globalen Flugindustrie und Qualität und Solidität stimmten, das erlebte er tagtäglich. Also kaufte Richard ein großes Paket Lufthansa Aktien. Das war 1998. Er musste bis 2014 warten, bis er seinen Einstandskurs wieder erhielt. Zu dem Zeitpunkt verkaufte er die Aktien wieder. Rückblickend stellte er fest, dass er in den gleichen 16 Jahren mit dem gesamten DAX Aktienindex ein Plus von 100 % gemacht hätte.

„Eine lustige Beobachtung an der Börse ist, dass jedes mal wenn ein Anleger eine Kaufentscheidung trifft, ein anderer Anleger eine Verkaufsentscheidung trifft – und beide sich für gerissen halten.”

Systemausfall

Maren war ein Computergenie. Sie arbeitete in der Entwicklungsabteilung eines großen Telekommunikationskonzerns, der gerade die größte Technologieinvestition seiner Geschichte tätigte. Auf der grünen Wiese wurde eine moderne Chip Fabrik gebaut und der Bereich dann separat an die Börse gebracht. Sie entschied sich, all ihr erspartes in diese Aktie anzulegen. Die befragten Börsenanalysten bestätigten, was sie als IT-Fachfrau sah: Infineon hatte eine große Zukunft. Also kaufte sie. Das war 2000. Innerhalb von 3 Jahren verlor die Aktie 90 % an Wert. Das hielt sie nicht länger aus. Maren entschied auszusteigen, verkaufte ihre Aktien und realisierte den Verlust.

Energieverschwendung

Paul war leitender Angestellter bei RWE. Im Laufe seiner Betriebszugehörigkeit war er zu einem echten Großaktionär an Firmenaktien geworden. RWE war der Riese im deutschen Energiegeschäft mit vielversprechender Zukunft im gemeinsamen europäischen Markt. Paul fühlte sich wohl damit, dass sein gesamtes liquides Vermögen in RWE Aktien investiert war und plante 2012 vorzeitig in Ruhestand zu gehen. Das war 2007. Dann kamen die Finanzkrise und Fukushima mit der Energiewende. Sein Aktienpaket hat heute fast 90 % an Wert verloren und an vorzeitigen Ruhestand ist nicht mehr zu denken.

Was lief verkehrt?

In allen vier Geschichten haben die Anleger getan, was der gesunde Menschenverstand lehrt: kaufe nur was du kennst. Leider gilt das nicht für Anlageentscheidungen. Hier hat Bekanntheit oder Vertrautheit nichts mit Börsenwissen zu tun. Für jeden Anleger, der mit einer vertrauten Marke erfolgreich war, gibt es fünf Gegenbeispiele, wo das in die Hose ging.

Anleger entscheiden sich gerne für Vertrautes

Als der amerikanische Telefonriese AT&T vor einigen Jahren aufgeteilt wurde, erhielten die AT&T Aktionäre Aktien der neu entstandenen, sogenannten Baby Bells. Eine spätere Studie ergab, dass die Einwohner jeder Region überproportional viele Aktien ihres lokalen, regionalen Baby Bells besaßen. Ein proportionaler Tausch hätte eine landesweit gleichmäßige Verteilung erwarten
lassen.

Ein anderes Beispiel sind die Einwohner von Georgia (USA), die zwar nur 3 % der US-Bevölkerung stellen, jedoch 16 % der Anteile an Coca-Cola besitzen. Warum? Die Coca-Cola Zentrale ist in Atlanta. Ebenso besitzen die Menschen im Rheinland überproportional viele Henkel und BAYER Aktien. Beide Firmen haben dort ihren Firmensitz.

Natürlich ist Coca-Cola Aktien zu besitzen wenn man in Georgia wohnt nicht sicherer als im Rheinland. Und es ist auch im Rheinland nicht sicherer Henkel oder BAYER Aktien zu besitzen als in Georgia (oder sonst wo auf der Welt).

Die Sicherheits-Illusion

Vertrautheit erzeugt eine Sicherheits-Illusion. Es ist ein globales Phänomen, dass die meisten Aktienanleger größtenteils nationale Unternehmen halten. Vor einigen Jahren wurden die fünf größten Aktienmärkte der Welt untersucht. In USA waren 92 %, in Japan 96 % in Großbritannien 92 % in Deutschland 79 % und in Frankreich 89 % des Aktienbesitzes in inländischen Unternehmen angelegt. Geld kann an den Kapitalmärkten frei fließen, diese nationale Konzentration ist nicht nötig. Die einzige Erklärung ist, dass die Anleger überall ihren inländischen Markt für die beste und sicherste Anlagemöglichkeit halten. Die Anleger aller fünf Länder gehen das unsinnige Risiko ein, alle ihre Eier in einen Korb zu legen, ohne dass es irgendeinen sachlich
vernünftigen Grund hierfür gibt. Das ist reine Verhaltenspsychologie.

Was die Geschichten zeigen

Wenn Anleger in einzelne Unternehmen investieren wollen, stehen sie vor dem Problem, sich aus einem nicht zu überschauenden Universum möglicher Aktien (weltweit über 30.000 börsennotierte Unternehmen) die passenden Unternehmen heraussuchen zu müssen.

Die Anleger lösen dieses Problem, indem sie ihre Auswahl auf die Unternehmen einschränken, die ihnen vertraut sind. Das sind dann die Firmen, in denen sie arbeiten oder die Firmen, deren Produkte sie kennen und nutzen. Aber ist das wirklich vernünftig bezogen auf die Geldanlage? Kurz gesagt, nein. Der gesunde Menschenverstand trügt bei der Geldanlage. Sich für bestimmte Aktien zu entscheiden, weil man das Unternehmen oder dessen Produkte kennt, ist kein vernünftiges Vorgehen bei der Anlageauswahl. Fälschlicher Weise werden hierbei Vertrautheit mit Sicherheit gleichgesetzt und Information mit nützlicher Börsenkenntnis.

Schlussfolgerung Zum Thema „Kaufen, was man kennt?“:
Eine breite Streuung ist immer die bessere Wahl. Sowohl um die Fehler durch falsche Einzelentscheidungen zu vermeiden, als auch um die Einflüsse von Einzeltiteln auf das Anlageergebnis zu begrenzen. Wir wissen, dass wir auf lange Sicht gesehen an den Kapitalmärkten eine Rendite erhalten. Diese ist allerdings nicht gleichmäßig auf alle Aktien und Zeiträume verteilt. Aus
diesem Grunde sollte das Risiko breit gestreut werden.

Und emotionale Bindungen an einzelne Investments sind nicht gut. Anleger machen häufig den Fehler, hohes emotionales Kapital in eine Aktie zu stecken, von der sie sich dann bei Verlusten einfach nicht trennen können. Es ist viel leichter diszipliniert zu bleiben, wenn man einen gewissen Abstand zu seinem Portfolio wahrt. Auch das ist mit breiter Streuung viel einfacher.

Rufen Sie uns an unter Rufen Sie uns gerne an!0211 – 61793 100 oder schreiben Sie uns an cdagg@brilliant.de, wir zeigen Ihnen Ihre Möglichkeiten beim Aktienkauf auf.

Den gesamten Artikel inkl. der aktuellen Anlageklassenrenditen können Sie sich hier auch als Pdf-Dokument herunterladen.

2018-04-19T18:35:47+00:00

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